Wie Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Voraussetzungen zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden – und was das für Stimmung, Verhalten und Alltag bedeuten kann
Manchmal beginnt ein Tag verändert, ohne dass ein äußerer Anlass zu erkennen ist. Eine Bewohnerin wirkt am Morgen verängstigt und weicht dem Kontakt aus, obwohl am Vortag nichts Belastendes vorgefallen ist. Ein Bewohner ist beim Wecken aufgebracht und lässt sich über längere Zeit nicht beruhigen. Wer den Tag begleitet, sucht nach einer Ursache in der Gegenwart und findet keine. Ein Teil der Erklärung kann in der Nacht liegen, in einem Traum, der nachwirkt, obwohl er längst vorbei ist.
Damit stellt sich eine Frage, die in der Praxis selten ausdrücklich gestellt wird. In welchem Maß können Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden? Und wenn diese Unterscheidung nicht immer sicher gelingt, welche Folgen hat das für Stimmung, Gefühl und Verhalten am Tag?
Vorab ist Ehrlichkeit angebracht. Zum Traumerleben von Menschen mit Intelligenzminderung gibt es nur wenig unmittelbare Forschung. Der folgende Text stützt sich deshalb auf gut belegtes Wissen aus angrenzenden Bereichen, aus der Entwicklungspsychologie, aus der Gedächtnisforschung und aus der Schlafforschung, und überträgt es vorsichtig auf die Begleitung. Wo eine Aussage eine Einschätzung ist und keine gesicherte Tatsache, wird das kenntlich gemacht.
Was beim Träumen geschieht – und was das Unterscheiden verlangt
Träumen ist eine innere Erfahrung, die alle Menschen kennen. Bemerkenswert ist nicht, dass wir träumen, sondern dass wir am Morgen in der Regel wissen, dass es ein Traum war. Diese Unterscheidung geschieht nicht von selbst. Sie ist eine Leistung des Gehirns.
Die Gedächtnisforschung beschreibt diese Leistung mit dem Begriff der Realitätsüberwachung, der später zur umfassenderen Quellenüberwachung erweitert wurde (nach Johnson und Raye). Der Grundgedanke ist einfach. Eine Erinnerung trägt kein Etikett, auf dem steht, ob das Erinnerte wirklich geschehen oder nur gedacht, vorgestellt oder geträumt ist. Das Gehirn schließt vielmehr aus Merkmalen der Erinnerung auf ihre Herkunft. Eine wirklich erlebte Situation ist meist reich an Sinneseindrücken und in einen nachvollziehbaren Zusammenhang eingebettet. Eine vorgestellte oder geträumte Situation wirkt oft weniger genau und lässt sich schwerer einordnen. Aus solchen Hinweisen entsteht das Urteil, ob etwas real war.
Dieses Urteil setzt bestimmte Fähigkeiten voraus. Es braucht ein Gedächtnis, das Einzelheiten genau genug speichert. Es braucht die Fähigkeit, den Zusammenhang einer Erinnerung mitzudenken. Und es braucht ein gewisses Maß an gedanklicher Steuerung, um die Merkmale abzuwägen. Sind diese Voraussetzungen eingeschränkt, wird auch das Urteil unsicherer. Genau an dieser Stelle wird das Thema für die Eingliederungshilfe bedeutsam.
Die Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit ist eine Entwicklungsleistung
Dass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit nicht von Anfang an feststeht, zeigt die Entwicklung von Kindern. Untersuchungen zum kindlichen Verständnis von Träumen kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Kinder ungefähr zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr allmählich begreifen, dass Träume nicht wirklich sind, dass sie im Inneren der eigenen Person stattfinden und dass andere Menschen sie nicht sehen können. Dieses Verständnis hängt eng mit der Fähigkeit zusammen, sich das eigene und das fremde Innenleben vorzustellen.
Auch das Träumen selbst verändert sich mit der geistigen Entwicklung. Die Arbeiten von David Foulkes, der Kinder über Jahre hinweg im Schlaflabor begleitet hat, weisen darauf hin, dass Häufigkeit und innere Ordnung von Träumen mit dem kognitiven Entwicklungsstand zusammenhängen und nicht allein mit dem Lebensalter. Träumen ist demnach an die Reifung des Denkens gebunden.
Für die Arbeit in der Eingliederungshilfe ist das ein vertrauter Gedanke. Der emotionale Entwicklungsansatz geht davon aus, dass das Lebensalter eines Menschen wenig darüber aussagt, auf welchem Entwicklungsniveau er tatsächlich erlebt und handelt. Überträgt man diesen Gedanken auf das Traumerleben, so liegt die Vermutung nahe, dass auch der Umgang mit der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit eher dem Entwicklungsalter als dem Lebensalter folgt. Diese Übertragung ist eine begründete Einschätzung und keine bewiesene Tatsache. Sie ist dennoch hilfreich, weil sie den Blick von der Frage nach dem Lebensalter zu der Frage lenkt, auf welchem Entwicklungsniveau ein Mensch erlebt.
Was wir über das Traumerleben bei kognitiver Beeinträchtigung wissen – und was nicht
Direkte Studien dazu, wie sicher Menschen mit Intelligenzminderung zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, sind selten. Belastbare Aussagen lassen sich deshalb nur vorsichtig und aus mehreren Richtungen gewinnen.
Zum einen ist das Träumen an den kognitiven Entwicklungsstand gebunden. Zum anderen beruht die sichere Einordnung eines Traums auf Gedächtnis- und Steuerungsleistungen, die bei kognitiven Beeinträchtigungen häufig eingeschränkt sind. Hinzu kommt, dass Schlafprobleme und belastende Träume bei Menschen mit Intelligenzminderung und mit neurologischen Entwicklungsbesonderheiten häufiger vorkommen als in der übrigen Bevölkerung. Aus diesen Beobachtungen lässt sich schließen, dass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei einem Teil der begleiteten Menschen weniger fest ist, als es bei Erwachsenen ohne Beeinträchtigung üblich ist. Wie stark das im Einzelfall zutrifft, ist von Person zu Person verschieden und lässt sich nicht pauschal bestimmen.
Wenn die Grenze durchlässiger wird
Dass die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit misslingen kann, ist auch bei Menschen ohne kognitive Beeinträchtigung beschrieben. Die Forschung spricht von einer Verwechslung von Traum und Wirklichkeit, wenn eine Person nicht mehr sicher sagen kann, ob ein Ereignis geträumt oder wach erlebt wurde. Beobachtet wurde dies unter anderem bei bestimmten Schlafstörungen und bei nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit, etwa im Rahmen von Demenzerkrankungen. Wenn die Netzwerke im Gehirn, die zwischen Schlaf und Wachheit unterscheiden, geschwächt sind, kann ein Traum in das Wacherleben hineinreichen und für eine Weile wirklich erscheinen.
Diese Befunde stammen aus anderen Personengruppen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf Menschen mit angeborener kognitiver Beeinträchtigung übertragen. Sie veranschaulichen aber ein allgemeines Prinzip. Je klarer die Fähigkeiten zur Realitätsüberwachung sind, desto fester ist die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Je eingeschränkter diese Fähigkeiten sind, desto durchlässiger kann die Grenze werden. Hinzu kommt, dass die Sicherheit dieser Unterscheidung auch bei ein und derselben Person schwanken kann. Müdigkeit, Anspannung, eine ungewohnte Umgebung oder ein abruptes Wecken können die Einordnung eines Traums vorübergehend erschweren.
Auswirkungen auf Stimmung, Gefühl und Verhalten im Alltag
Selbst wenn ein Mensch weiß, dass ein Traum nicht wirklich war, bleibt das Gefühl, das er im Traum erlebt hat, für eine Weile bestehen. Angst oder Freude aus der Nacht wirken in den Morgen hinein. Untersuchungen zu belastenden Träumen zeigen, dass diese die Stimmung und das Verhalten am Tag beeinflussen können, unabhängig davon, wie gut der Schlaf insgesamt war.
Für Menschen, die einen Traum nicht in Worte fassen und nicht sicher einordnen können, hat das eine besondere Bedeutung. Das Gefühl ist da, aber die Erklärung fehlt. Ein Mensch wacht ängstlich oder aufgebracht auf und weiß selbst nicht, warum. Er kann nicht erzählen, dass er schlecht geträumt hat, und er kann sich unter Umständen nicht sicher sein, ob das Geträumte nicht doch geschehen ist. Am Tag zeigt sich dann eine veränderte Stimmung oder ein verändertes Verhalten, für das die Begleitpersonen keinen Anlass in der Gegenwart finden.
Hier lohnt sich der Blick, der in der Eingliederungshilfe ohnehin leitend sein sollte. Verhalten ist eine Mitteilung. Ein Mensch, der am Morgen verändert wirkt, teilt möglicherweise etwas mit, das in der Nacht seinen Ursprung hat. Wer ausschließlich nach einem Auslöser am Tag sucht, übersieht diese Möglichkeit und deutet das Verhalten leicht als grundlos oder als bloße Auffälligkeit.
Praxisbeispiel
Ein Bewohner einer Wohngruppe, der wenig spricht, ist an manchen Morgen kaum ansprechbar. Er zieht sich zurück, wehrt Körperkontakt ab und reagiert auf die übliche Morgenroutine mit Unruhe. An anderen Tagen ist er zugewandt und ruhig. Das Team sucht lange nach Auslösern im Tagesablauf und findet keine verlässliche Erklärung. Erst als in der Dokumentation die Morgenstimmung über mehrere Wochen festgehalten wird, zeigt sich, dass die schwierigen Morgen häufig auf unruhige Nächte folgen. Die Mitarbeitenden verändern daraufhin nicht das Verhalten des Bewohners, sondern ihren eigenen Umgang mit dem Morgen. Sie geben ihm mehr Zeit, verzichten an solchen Tagen auf Drängen und bieten ruhige, vertraute Reize an. Die Morgen verlaufen ruhiger, auch wenn sich die Ursache nicht vollständig klären lässt.
Das Beispiel zeigt zweierlei. Die Ursache eines veränderten Verhaltens liegt nicht immer dort, wo am Tag gesucht wird. Und es hilft nicht die Korrektur des Menschen, sondern die Anpassung der Begleitung.
Was das für die Begleitung bedeutet
Aus dem Gesagten ergeben sich einige Hinweise für die Praxis, die sich in die personzentrierte Haltung einfügen.
Das Erleben ernst nehmen. Wenn ein Mensch nach dem Aufwachen verängstigt ist, ist die Angst wirklich, auch wenn ihr Anlass ein Traum war. Der Satz, es sei doch nur ein Traum gewesen, nimmt das Gefühl nicht ernst und lässt den Menschen mit ihm allein. Hilfreicher ist es, das Gefühl zu benennen und Sicherheit anzubieten. Eine ruhige Ansprache, die das Erleben aufgreift, trägt weiter als eine Belehrung über die Wirklichkeit.
Die Nacht mitdenken. Bei einer unerklärlichen Veränderung der Stimmung am Morgen ist es sinnvoll, die Nacht als möglichen Ursprung in Betracht zu ziehen, bevor ausschließlich nach Auslösern am Tag gesucht wird. Das verändert die Deutung des Verhaltens und damit die Reaktion darauf.
Orientierung geben statt zu widersprechen. Wenn ein Mensch unsicher ist, ob etwas Geträumtes wirklich geschehen ist, hilft kein Streit über die Wirklichkeit. Vertraute Gegenstände, Licht, eine bekannte Stimme und die gewohnte Reihenfolge des Morgens geben Halt und helfen bei der Einordnung, ohne den Menschen zu beschämen.
Den Schlaf beachten. Schlafprobleme und belastende Träume sind in dieser Personengruppe häufig und wirken sich auf den Tag aus. Bevor an Medikamente gedacht wird, sollten die Bedingungen des Schlafs geprüft werden. Schmerzen, Unruhe in der Umgebung, Ängste am Abend und eine unsichere Schlafumgebung sind mögliche Ansatzpunkte. Fachliche Empfehlungen sprechen sich dafür aus, zuerst die Ursachen und das Verhalten rund um den Schlaf in den Blick zu nehmen und medikamentöse Maßnahmen zurückhaltend einzusetzen.
Beobachten und dokumentieren, ohne zu deuten. Da die Ursache in der Nacht liegen kann, zeigt sich das Muster oft erst, wenn die Morgenstimmung über einen längeren Zeitraum festgehalten wird. Solche Aufzeichnungen sollten beschreiben, was beobachtet wurde, und keine Diagnosen enthalten. Die Einordnung psychischer Auffälligkeiten gehört in fachärztliche oder psychologische Hände.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Leistung des Gehirns, die auf Gedächtnis, Zusammenhang und gedanklicher Steuerung beruht.
- Diese Unterscheidung ist eine Entwicklungsleistung. Kinder erwerben sie etwa zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr, und auch das Träumen selbst ist an den kognitiven Entwicklungsstand gebunden.
- Zum Traumerleben von Menschen mit Intelligenzminderung gibt es wenig direkte Forschung. Aus angrenzenden Bereichen lässt sich vorsichtig schließen, dass die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei einem Teil dieser Menschen weniger fest sein kann.
- Die Sicherheit dieser Unterscheidung kann auch bei ein und derselben Person schwanken, etwa bei Müdigkeit, Anspannung oder in ungewohnter Umgebung.
- Das Gefühl aus einem Traum wirkt in den Tag hinein, auch wenn der Traum als solcher erkannt wird. Wer ihn nicht einordnen kann, erlebt das Gefühl ohne Erklärung.
- Ein am Morgen verändertes Verhalten kann seinen Ursprung in der Nacht haben. Verhalten ist auch hier als Mitteilung zu verstehen.
Hilfreich sind das Ernstnehmen des Gefühls, das Mitdenken der Nacht, ruhige Orientierung, die Beachtung des Schlafs und eine beschreibende Dokumentation ohne vorschnelle Deutung.
